Das muss ich morgen Kati erzählen, wenn sie mich besucht, dachte Aleandra. Ach was. Morgen ist ja Weihnachten. Hellwach wurde sie da in ihren Gedanken und deshalb sah sie auch auf dem Rückweg den Lichtstrahl unter der Wohnzimmertür schimmern. Sie sah wie die Tür sich öffnete und ein Mann hinaus in den Flur trat; wie er das Licht löschte und leise die Tür schloss; sie sah dass er einen großen Sack auf dem Rücken trug, in Strümpfen ging und seine Schuhe in der Hand hielt. Offensichtlich wollte er sich davon schleichen.
Doch als er sich umdrehte und das Mädchen sah, im Schlafanzug und das Haar verstruwwelt, zuckte er erschrocken zusammen. Er wollte sich festhalten, griff aber ins Leere und sank, vom schweren Sack gezogen, nieder. Als er aufsah, stand Aleandra immer noch da und sah ihn an, herausfordernd. Wäre sie eine Erwachsene gewesen, hätte sie wohl etwas gesagt wie "Sie sind mir eine Erklärung schuldig!"
Aber Aleandra betrachtete ihn nur, schweigend. Der Mann sah ganz gewöhnlich aus: Hose, Pulli, Jacke, nicht zu klein, nicht zu groß; nicht zu dick, nicht zu dünn; sein Gesicht hatte Ohren, Nase und Augen. Ganz normal eben. Die beiden schwiegen und sahen sich an. Dann ertrug der Mann ihren Blick nicht mehr.
"Ich bin dir wohl eine Erklärung schuldig", sagte er. Aleandra sah ihn an.
"Ich bin der Weihnachtsmann", sagte er, fast entschuldigend. Aleandra sah ihn an.
"Ich bin Karlheinz", sagte sie dann, todernst, "freut mich, dich kennenzulernen." "Imimim Ernst...", stotterte der Mann.
"Im Ernst. Ich wünsche mir die Playstation 3, einen neuen Kombi für meine Mama und nächstes Jahr möchte ich in die Reiterferien nach..." (sie überlegte) "Portugal."
Der Mann blickte etwas niedergeschlagen. "Du hast mich dir anders vorgestellt."
"Ich hab dich mir überhaupt nicht vorgestellt", sagte Aleandra. "Wozu auch? Gibt Bilder. Roter Mantel und so Stiefel, weißer Bart, rote Mütze. Weiß man doch." Sie setzte sich neben den Weihnachtsmann. "Ziemlich albern."
"Eben", seufzte der Mann tief und schwer.
"Also ehrlich gesagt glaube ich nicht an den Weihnachtsmann", erklärte Aleandra.
"Versteh ich gut. Versuche ja immer mich zu verstecken. Heimlich in Häuser schleichen, Geschenke bringen, heimlich wieder raus. Ich bin so heimlich, dass ich manchmal selbst zweifle, ob es mich gibt."
"Ist ja ein Ding: Darüber habe ich auch gerade nachgedacht", fiel ihm Aleandra ins Wort, "Komsich, oder?"
"Was?"
"Komsich! Ich erfinde manchmal Schüttelwörter."
"Achso." Der Weihnachtsmann seufzte wieder. "Ja. Komsich. Ich habe mich nie an mein eigenes Image gewöhnen können."
"Aha. Deshalb die neuen Klamotten?"
"Ich will mich selbst finden", erklärte er. "Ich besuche Volkshochschulkurse. Feng Shui, Qi Gong, Reiki ... sowas halt."
"Macht Mama auch. Steht manchmal nachts auf einem Bein in der Küche. Schau mal!" Aleandra öffnete die Küchentür. Da stand ihre Mutter auf einem Bein, Augen geschlossen, Hände hinterm Rücken gefaltet. Sie sah aus wie ein moppeliger Kranich. Aleandra schloss die Tür wieder.
"Sieht schön aus", sagte der Weihnachtsmann, "das möchte ich auch können."
"Sie bringt es dir bestimmt bei. Ich frage sie – willst du?"
"Ein anderes Mal vielleicht. Ich hab noch ganz schön viel zu tun!" Er schulterte den Sack.
"Verstehe", sagte Aleandra. "Die Kundschaft. Was wünschen sich die Leute eigentlich so?"
"Ach. Das Übliche halt: Fernsehapparate, DVD-Player, Computer, Möbel. Nichts Besonderes. Ich weiß nicht warum die sich das nicht einfach selbst kaufen."
"Verstehe!", sagte Aleandra. Sie begleitete den Weihnachtsmann zur Tür.
Draußen winkte sie dem Mann noch eine Weile nach, als er unter der Last des Sackes die Straße hinunter wankte. Dann ging sie zurück in ihr Bett. Was es nicht alles nicht gibt, dachte sie und war augenblicklich eingeschlafen.
Am Morgen weckte sie lautes Geschrei: Ihre Mutter. Einbrecher hätten sich in der Nacht in die Wohnung geschlichen und alles mitgenommen. Fernsehapparat, DVD-Player, Computer – alles weg. Ob Aleandra denn nichts gehört habe?
"War bestimmt der Weihnachtsmann", sagte Aleandra, drehte sich zur Wand und schlief noch ein bisschen.