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Über eine körperfreundliche Erziehung

Autorin: Helga Gürtler

Mein Körper, das bin ich!

Viele Menschen haben ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper. Sie schämen sich, finden sich zu dick, zu dünn oder zu faltig. Sie kämpfen mit Diäten, Deodorants und Kosmetik.

 

Viele Jugendliche bekommen in der Pubertät Essstörungen, weil sie mit ihrem äußeren Erscheinungsbild unzufrieden sind: die Beine zu dünn, der Po zu dick, zu wenig Busen oder zu wenig Muskeln. Sie betrachten ihren Körper als Feind oder als Material, das man nach bestimmten Normen verändern muss. Sie fühlen sich nicht wohl in ihrem Körper, weil sie einem Schönheitsideal nachlaufen.

 

Doch Rundungen, stämmige Beine usw. sind ebenso Teil meiner Identität wie Temperament oder Sensibilität. Wer sich selbst wirklich mag, der mag auch seinen Körper – so wie er ist. Wie muss eine Erziehung aussehen, die Kindern die Chance gibt, sich in ihrem Körper zu Hause zu fühlen?

 

Zugang zu unserem Körper finden wir durch Sehen, Hören, Riechen, Tasten, Empfinden. Diese Sinne sind Funktionen des Körpers, mit ihnen können wir den Körper wahrnehmen, erforschen und kennen lernen. Ein Kind, das sich in seinem Körper wohl fühlen soll, braucht Nahrung für alle Sinne, es soll sich darin bestätigt fühlen, auf alle Sinneswahrnehmungen zu achten. Es soll auch die Gefühle beachten, die sie auslösen - angenehme und unangenehme, lustvolle und widerliche oder schmerzhafte. Dann wird ihm sein Körper weniger fremd bleiben.

 

 

Dem eigenen Körper vertrauen

In der Erziehung wird der Körper oft freudlos behandelt. Körperpflege fällt vielen als erstes ein – waschen, Zähne putzen, eincremen, vor Verletzungen und Krankheiten schützen – ein eher sachlicher, nüchterner Umgang. Aber liebevoll anschauen und streicheln - hat auch das Raum genug? Erfreuen wir uns am Duft der Haut, fahren wir mit sanften Fingern darüber? Bestaunen wir die Geschicklichkeit der Hände und Füße, aber auch die Erektion des kleinen Jungen und den großen Haufen, den das Kind ins Töpfchen gemacht hat? Lernt das Kind seinen Körper mit allen Teilen und Funktionen als etwas Wunderbares kennen?

 

Kinder haben früh schon ein feines Gespür dafür, was ihr Körper braucht, was ihm gut tut. Wir können sie dabei unterstützen, diese Fähigkeit festigen und uns nach ihr richten. Stattdessen glauben wir oft, besser als das Kind zu wissen, was es empfindet und braucht. Wir bestimmen, wann es friert und etwas überziehen muss, wann es auf den Topf muss, was und wie viel es essen soll, damit der Körper gesund bleibt. Warum fragen wir nicht: Ist dir kalt? Musst du mal auf den Topf? Was möchtest du essen? Wir vertrauen zu wenig auf instinktive Fähigkeiten. Deshalb behindern wir Kinder darin, sie bewusst wahrzunehmen und zu äußern. Warum tun wir das? Weil wir es selbst so gelernt haben?

 

Wie gehen wir mit unserem eigenen Körper um? Möchten wir ihn am liebsten verstecken oder mögen wir ihn? Jammern wir ständig über Rettungsringe, Falten und Cellulitis? Oder wohnen wir mit Lust in unserem Körper und zeigen das auch? Es ist schwer, eine solche Einstellung zu vermitteln, wenn man sie selbst nicht hat.

 

In einem meiner Seminare redeten wir über Urlaubsträume. Ein Mann, der im Beruf täglich Schlips und Anzug tragen muss, wollte „drei Wochen lang mit dem Zelt herumziehen, die ganze Zeit dieselben Jeans tragen und leise vor sich hin stinken". Einige schlossen sich sofort an, andere konnten sich Urlaub ohne Bad und frische Kleider nicht vorstellen.

 

Wie sehen Sie das? Wenn Sie in Sachen Reinlichkeit und Körperhygiene ungewöhnlich pingelig sind, unnachsichtig Bakterien jagen, immerzu Hände waschen, viel Deo verwenden gegen jede Art von natürlichem Geruch, dann lohnen sich selbstkritische Fragen:

Hat das was mit meiner Einstellung zu Sinneslust und Sexualität zu tun? Wie bin ich erzogen worden? Was bewirke ich, wenn ich diese Haltung an mein Kind weitergebe?

 

 

Kleine Kinder haben solche Probleme nicht, ihre Sinnenlust ist noch ungebrochen, für „domestizierte“ Erwachsene oft befremdlich. Kinder gieren nach sinnlichen Erfahrungen: Alles kosten, an allem riechen, alles anfassen, sich in der Blumenwiese wälzen. Kinder probieren aus, was ihr Körper hergibt: Kreischen bis die Ohren klingen, sich drehen bis die ganze Welt schwankt, rennen und toben bis die Luft wegbleibt.

 

In solchen Situationen spürt das Kind besonders intensiv sich selbst und bildet so ein Selbstgefühl. Vielleicht tröstet Sie das, wenn Ihr Kind mal wieder schreiend den Flur auf und ab rennt oder ständig vom Hochbett springt. Und denken Sie bei roten Köpfen und nass geschwitzten Haaren nicht immer nur an Erkältung!

 

Den eigenen Körper

Kinder erleben ihren Körper als aufregendes Erfahrungsfeld. Sie untersuchen neugierig alle Glieder und Körperöffnungen, pulen in Augen, Ohren, Nase bei sich und bei anderen. Die Geschlechtsteile nehmen sie bei diesen Erkundungen nicht aus - warum auch? Kleine Kinder kennen weder Ekel noch Scham, wenn sie z.B. die eigenen Ausscheidungen untersuchen, kosten, sich und die Umgebung damit beschmieren. Kaum ein Erwachsener wird das akzeptabel finden. Aber allzu heftig geäußerter Widerwillen und Strafe suggerieren dem Kind, dass ein Teil von ihm schmutzig, schlecht und unerwünscht ist. Die gleichen Folgen hat es, wenn das Erforschen der eigenen Ausscheidungs- und Geschlechtsorgane mit einem Tabu belegt wird, mit "Pfui" und "Das darf man nicht!"

 

Eine körperfreundliche Erziehung akzeptiert den Forscherdrang und die sinnlichen Gelüste der Kinder, auch wenn sie in zivilisiertere Bahnen gelenkt werden: Manschen kann man auch mit anderem Material als dem Windelinhalt, Nacktsein beschränkt man nach und nach auf Haus und Garten oder andere geschützte Räume. Auch "Doktorspiele" gehören nicht vor die Augen der Öffentlichkeit. Da mag es Leute geben die das stört und andere die sich daran unzulässig verlustieren. So sollte man Kindern das auch erklären. Nicht was sie tun, ist schlecht, sondern das, was andere vielleicht daraus machen.

Zu Hause aber darf man alles erforschen, alles fragen und sagen, was den Körper und seine Funktionen betrifft. Alle Körperteile haben Namen, nüchterne und zärtlich-verspielte für den Hausgebrauch. Die Zone „da unten“ ist weder besonders schmutzig noch tabu. Man darf sie auch benutzen, um sich ein wohlig kribbeliges Gefühl im Bauch zu verschaffen. Denn dass man das kann, entdecken die meisten Kinder recht früh. Einige merken freilich, dass das etwas ist, was den Eltern wohl nicht recht wäre, also verstecken sie es unter der Bettdecke. Wenn Ihr Kind lustvoll mit seinem Geschlecht spielt, zeigt es, dass es sich wohl fühlt in seinem Körper und sich gesund entwickelt. Wenn es sich dabei nicht versteckt, zeigt es, dass es Vertrauen zu Ihnen hat. Vielen Eltern fällt es schwer, mit dieser Form kindlicher Entdeckerlust und Sinnenfreude unbefangen umzugehen, weil sie selbst anders erzogen, weil sie dafür gescholten oder gestraft wurden. Sie können es aber versuchen. Wenn sie statt zu sagen "das tut man nicht", dem Kind erklären "mir ist das unangenehm, weil ich als Kind dafür bestraft wurde", ist schon einiges gewonnen.

 

Mein Körper gehört mir

Wenn Kinder darin bestätigt werden, auf ihre eigenen Empfindungen zu achten und sich danach zu richten, werden sie auch anderen gegenüber unbefangen sein und zeigen, welche Berührungen ihnen angenehm sind und welche nicht. Und Kinder müssen wissen: Ich selbst darf alles mit meinem Körper machen – andere dürfen das nicht ohne meine Erlaubnis! Tante Mine darf mich nicht einfach greifen und abküssen, ich brauche auch niemandem die Hand zu geben, wenn ich nicht mag! Das wird manchem unhöflich erscheinen. Aber ein Kind mit der Erlaubnis so etwas abzulehnen, wird sich auch dann selbstbewusst wehren, wenn jemand ihm unzulässig an die Wäsche will. Erwachsene, die dem Kind notwendigerweise „an die Wäsche“ wollen, z.B. der Arzt oder die Erzieherin - sollten das ankündigen und klar begründen: „Ich muss jetzt deinen Bauch untersuchen“ oder „Komm, ich will dir mal die Windel wechseln.“ Beim Arzt muss so manches auch gegen den Willen des Kindes stattfinden, aber das wird immer ausdrücklich von Vater oder Mutter legitimiert und dem Kind hoffentlich auch erklärt.

Manche Kinder, die als Kleinkind unbefangen nackt durch die Wohnung sprangen, fangen später an die Badezimmertür abzuschließen, wollen niemanden mehr an sich heranlassen. Das ist ihr Recht, auch wenn Eltern, die selbst vielleicht keine Scheu vor dem Nacktsein haben, den Grund nicht verstehen. Zur Achtung vor der Persönlichkeit eines Kindes gehört auch die Achtung seiner körperlichen Autonomie.

 

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Thema Mein Körper

 

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Mehr Info

Quelle: Helga Gürtler, So wird mein Kind selbstbewusst, Midena Verlag, München 2000, 118 Seiten, stark gekürzt nach einem Auszug in www.familienhandbuch.de

 

Die Autorin: Helga Gürtler ist Diplom-Psychologin, sie schreibt Bücher und Artikel zu Erziehungsthemen, hält Vorträge, arbeitet mit Elterngruppen und in der Fortbildung von Erzieherinnen. Infos unter www.helga-guertler.de