Kaum drehen wir die Rollenklischees um, hört sich das ganz merkwürdig an. Warum? Weil wir feste Vorstellungen vom jeweils anderen Geschlecht haben, und das fängt schon bei den ganz kleinen Kindern an.
Viele Eltern machen die Erfahrung, dass Ihre Kinder ganz von allein typische Mädchen- oder Jungen-Verhaltensweisen entwickeln – obwohl sie doch beide gleich erziehen. Glaubte ich auch. Als aber meine Tochter zu Ihrem dritten Geburtstag ein Sachbuch geschenkt bekam, wurde mir erst bewusst, dass unser Bücherregal viel mehr Fantasiegeschichten enthält als Sachbücher über Bagger & Co. Spiegeln sich da meine eigenen Vorlieben oder glaubte ich, dass sie sich über ein Buch zum Thema Baustelle gar nicht freuen würde? Eltern verstärken geschlechtertypisches Verhalten: so werden die Jungs zu Bewegungsspielen ermuntert und die Mädchen für fürsorgliches Verhalten gelobt.
Doch was ist, wenn der Sohn keinen Spaß am Fußballspielen findet, das Mädchen aber die Bäume ohne Angst erklimmt? Wie reagieren wir, wenn Kinder nicht unseren oder eben den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen? Meist sehr verunsichert. Denn je mehr wir an die angeborenen Unterschiede glauben, desto ungewöhnlicher finden wir abweichendes Verhalten.
Die Mädchen haben es da inzwischen leichter: dass sie Hosen tragen ist normal – Jungs dagegen tragen Röcke nur im Ausnahmefall zu Hause als „Verkleidung“. Mädchen gehen zum Mädchentag unter dem Motto „Piratinnen“und besuchen pünktlich das Judotraining. Das ist cool! Doch für die Jungs sind Mädchen-Vorlieben ein Problem: oder haben sie beim letzten Faschingsfest einen Feen-Jungen gesehen, mit Glitzer im Haar oder einen Jungen, der stolz seinen Puppenkinderwagen durch die Stadt schiebt? Die Mädchen und Frauen sind gerade dabei, sich die Hälfte der Welt zu erobern – da geraten die Jungs ins Hintertreffen und haben im Durchschnitt die schlechteren Schulabschlüsse und eine höhere Kriminalitätsrate. Mit dieser Entwicklung kam die Geschlechterdiskussion zurück in die Pädagogik: Jungenförderung heißt das Zauberwort.
Doch bei allen Unterschieden sollten wir Gemeinsames nicht übersehen: Denn jedes Mädchen ist ein bisschen Junge – und jeder Junge ein bisschen Mädchen. Wenn sie es denn sein dürfen. | UW