HomeKontaktImpressumSitemap
none
 

Was tun gegen „Waffengefuchtel“ und den Rosa-Tick?

 

Mae von Lapp befragte für FLUMMI Peter Schmidt


Haben Sie Kinder?

Ich habe eine erwachsene Tochter und eine Enkelin (5) sowie einen Enkel (3 1/2).

 

Mädchen und Jungen legen gerade im Kindergartenalter ein erstaunlich traditionelles Rollenverhalten an den Tag – allen emanzipatorischen Erziehungsbemühungen mancher Eltern zum Trotz. Hat das mit Erziehung also wenig zu tun?

Alltagserfahrungen, Erziehungskonzepte aus der antiautoritären und feministischen Bewegung, sowie aktuelle Forschungsergebnisse zeigen die weitgehende Wirkungslosigkeit, Kinder „geschlechtsneutral“ zu erziehen. Wir müssen derzeit davon ausgehen, dass es bestimmte genetische und hormonelle Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gibt, die bestimmte geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und Fähigkeiten ausprägen. Neben diesen neurobiologischen Erkenntnissen gibt es Forschungsergebnisse die aufzeigen, dass Kinder sehr früh von ihren Eltern (unbewusst) beeinflusst werden und sie ihr Baby vom ersten Tag an geschlechtsspezifisch behandeln, auch wenn sie dies nicht mit Absicht tun.

 

Was raten Sie den Eltern, denen das Waffengefuchtel der Jungs oder der Rosa-Tick der Mädchen unerklärlich ist?

Das aggressivere Verhalten von Jungen und deren Vorliebe und Kreativität, aus allen möglichen Materialien Waffen zu basteln sowie den Rosa-Tick der Mädchen und deren Faszination für Röcke und Prinzessin-Sein sollten die Eltern als etwas zu den Kindern Gehörendes anerkennen. Eltern sollten wissen, dass dies kein Einzelphänomen ist, sondern bei Kindern in unserem Kulturkreis etwas absolut Typisches, dass man nicht mit „Gewalt“ oder Tricks versuchen sollte austreiben zu wollen.

 

Wie sieht die moderne Erziehung aus?

Eltern und ErzieherInnen sollten sich von dem Zwang lösen, das „zu mädchenhafte“ bei den Mädchen und das „zu jungenhafte“ der Jungen bekämpfen zu müssen. Wichtig ist, dass Kinder in ihrer Entwicklung ein möglichst breites Angebot an Verhaltensmodellen, Spielzeugen und Beschäftigungsmöglichkeiten haben. Ebenso wichtig ist die Notwendigkeit der Beziehung von Kindern zu den unterschiedlichen Geschlechtern, wobei aktuell besonders ein Großteil der Jungen auf eine höhere Präsenz ihrer Väter angewiesen ist. Kindern sollte der Raum gegeben sein, in ihrer Entwicklung eine große Bandbreite von Verhaltensmöglichkeiten ausprobieren und leben zu können. Hier hilft den Eltern vielleicht auch das Ergebnis einer Langzeitstudie die aufzeigt, dass Menschen, die als Kleinkinder in besonders ausgeprägter Weise ihre Welt in männlich und weiblich aufgeteilt hatten, später sehr viel gelassener und weniger fixiert mit den Geschlechterrollen umgehen konnten.

 

Mädchenförderung scheint schon wieder out. Damit wären wir beim alten System, dass die Kinder die meiste Aufmerksamkeit bekommen, also belohnt werden, die am häufigsten gegen Regeln verstoßen. Brauchen Mädchen keine Förderung?

Dass seit einiger Zeit die Förderung der Jungen in den Blickpunkt gerückt ist, bedeutet nicht, dass Mädchenförderung out oder nicht mehr notwendig ist, bzw. nur die besonders Auffälligen Aufmerksamkeit erhalten. Die Förderung von Jungen ist über ein Jahrzehnt vollkommen vernachlässigt worden, was sich über Jahre auch in fehlender Forschung und fehlenden geschlechtsspezifischen Angeboten ausgedrückt hat. Mädchen und Jungen brauchen Förderung in dem Sinn, dass sowohl ihre geschlechtsspezifischen Anteile berücksichtigt als auch geschlechtsübergreifende Verhaltensweisen und Haltungen gefördert werden.

none
 

Thema Mädchen & Jungs

 

zurück zur Übersicht

 



Mehr Info

 

 

Peter Schmidt (58) ist Sozialarbeiter, Diplompädagoge und Leiter der Erziehungsberatungsstelle in der Adelheidstraße (Institut für Beratung und Therapie von Eltern und jungen Menschen)