Achim Odziomek befragte exklusiv für FLUMMI Jan-Uwe Rogge, den bekannten Autor, Familien- und Kommunikationsberater, zu typischen Erziehungsfragen.
Rogge:
Erziehung ist die Begleitung der Kinder ins Leben. Erziehung hat etwas damit zu tun, sich auf das Tempo des Kindes einzulassen. Erziehung ist Beziehung und nicht Vorbereitung auf irgendwas in 10 oder 15 Jahre. Erziehung geschieht in jedem Augenblick – also jetzt.
Flummi:
Welche Fehler machen Eltern am häufigsten bei der Kindererziehung?
Rogge:
Man muss den Gedanken „Fehler und falsch“ einfach vergessen. Darum geht es nicht in der Kindererziehung! Wer erzieht macht Fehler. Es geht ja gar nicht darum, Fehler zu vermeiden, sondern wie gehe ich mit Fehlern um? Wir Eltern machen tagtäglich Fehler. Und wenn ich mir das zugestehe, dann sollte man das auch seinen Kindern zugestehen. Dann sind Sie auf dem richtigen Weg.
Flummi:
In welchem Alter ist Erziehung am wichtigsten?
Rogge:
Es gibt keine Phase, wo Erziehung nicht wichtig ist. Jedes Kind, das erzogen wird, braucht vor allem eins – eine Beziehung! Erziehen müssen die Eltern also vom ersten Tag an, bis das Kind aus dem Elternhaus auszieht. Und wenn der Nachwuchs merkt, dass es an der nötigen Beziehung fehlt, also keinen Halt und keine Geborgenheit mehr fühlt, dann gehen sie in die Konfrontation und zwingen uns, dass wir ihnen Halt und Geborgenheit geben.
Aber natürlich gibt es Phasen, wo es besonders häufig kracht. Das ist das Trotzalter (2 – 5 Jahre) und 10 Jahre später, wenn das Kind in die Pubertät kommt.
Flummi:
Kinder testen gerne Grenzen. Wie sollten Eltern damit umgehen?
Rogge:
Jedes Kind muss Grenzen überschreiten! Eines der schönsten Kinderlieder ist „Hänschen klein“, der in die weite Welt hinaus geht. Jedes Kind will irgendwann weg vom Erreichten, muss also Grenzen überschreiten. Ein Kind, was ständig angepasst ist, wird auch später keine eigenständige, autonome Persönlichkeit. Wenn Kinder sich aber ununterbrochen an Grenzen reiben, obwohl sie diese ganz genau kennen, dann müssen die Eltern fragen: Was steckt hinter dieser ständigen Konfrontation! Man muss dann auf die Eltern-Kind Beziehung eingehen und aus dem Blickwinkel den Kindes stelle ich dann auch oft Defizite der Eltern fest. Wichtig ist also, dass das Kind Beziehung spürt! Und wenn es keine positive Aufmerksamkeit bekommt, dann tut es alles dafür, über negatives Verhalten sich die Aufmerksamkeit zu holen.
Flummi:
Welche Tipps können Sie da den Eltern geben?
Rogge:
Kinder reden oft nicht viel – sie handeln. Und unsere Aufgabe als Eltern ist es diese Botschaften zu entschlüsseln. Eltern müssen wieder lernen, ihr Kind zu beobachten. Und das am besten aus der Position einer gewissen Gelassenheit heraus. Den „Richtig – Falsch“ Ansatz beiseite lassen, denn der führt nur zu Schuldzuweisungen oder Versagensängsten. Und wenn eine Beziehung schon sehr verhakt ist, dann einfach mal zu einem Erziehungsberater gehen oder einfach mit Gleichgesinnten ins Gespräch kommen.
Flummi:
Was aber tun, wenn das Kind ständig Grenzen überschreitet? Ist der Klaps auf den Hintern dann erlaubt?
Rogge:
Der Klaps auf den Hintern ist eine pädagogische Niederlage sondergleichen. Ein Klaps ist eine Erniedrigung des Kindes und deutet darauf hin, dass man als Elternteil nicht genug beobachtet hat und vielleicht auch zu nachgiebig war lange Zeit.
Flummi:
Viele Kinder dürfen erst rausgehen, wenn zum Beispiel die Hausaufgaben gemacht sind. Bringt das was?
Rogge:
Jedes Kind hat seinen eigenen Biorhythmus, in dem es seine Hausaufgaben machen will und kann: Ein Kind möchte es gerne am frühen Nachmittag, ein anderes am späten und manche Kinder wollen dies erst am frühen Abend. Dieser Rhythmus ist mit den Kindern abzustimmen. Und natürlich muss daraus auch eine verbindliche Absprache resultieren, an die sich das Kind auch zu halten hat. Das gilt gleichermaßen für die Eltern. Macht ein Kind jedoch trotz der getroffenen Absprachen die Hausaufgabe nicht, dann gilt es über Konsequenzen nachzudenken, z. B. mit dem Satz. „Du gehst erst dann zu deinen Freunden, wenn du die Hausaufgabe erledigt hast.“ Solche Konsequenzen müssen dem Kind aber im vorhinein klar gemacht werden.
Flummi:
Kinder spielen Eltern gerne gegeneinander aus – müssen sich Erziehungsberechtigte das gefallen lassen?
Rogge:
Vater und Mutter erziehen unterschiedlich – und das ist auch gut so! Ich finde es immer schrecklich, wenn die Eltern „an einem Strang“ ziehen. Es muss nur klar sein, wer in welcher Erziehungssituation das letzte Wort hat. Es gibt also „Papa-Situationen“ und „Mama-Situationen“, und die müssen vorher feststehen. Unterschiedlichkeit ist aber nicht zu verwechseln mit Uneinigkeit! Das ist dann der Fall, wenn der eine Part antiautoritär erzieht – der andere aber Grenzen setzt. Hinter Uneinigkeit der Eltern stecken in der Regel massive partnerschaftliche Probleme.
Flummi:
Sollen Eltern es dem Kind immer Recht machen? Oder dürfen sie auch selber mal schlecht gelaunt sein?
Rogge:
Es dem Kind gerecht zu machen ist ein wichtiges Prinzip! Es heißt aber immer auch es sich selber Recht zu machen: das Kind muss also auch die Bedürfnisse der Eltern anerkennen. Wenn das Kind also Frust und Zorn zeigen darf, dann gilt das umgekehrt auch für die Eltern.
Flummi:
Wir danken für das Gespräch!