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Wieviel Benehmen braucht ein Kind?


Gutes Benehmen, was ist das überhaupt? Und brauchen wir das noch?


Das berühmte "Benimm-Buch" von Herrn Knigge wird immer noch häufig als Grundlage für gutes Benehmen herangezogen. Das Buch trägt aber den Titel: "Über den Umgang mit Menschen" – und enthält sehr viel mehr als nur Regeln für Tischsitten.

 

In der schon zerfledderten Ausgabe meines Großvaters finde ich im ersten Kapitel Abhandlungen über: "Sei nicht zu sehr ein Sklave der Meinung anderer von Dir". Aber auch Ratschäge wie: "Enthülle nie die Schwächen Deiner Mitmenschen" oder "Suche weniger selbst zu glänzen als anderen Gelegenheit zu geben, sich von vorteilhaften Seiten zu zeigen".

 

Heute würden wir das wohl mit den Begriffen "Höflichkeit" und "Bescheidenheit2 ausdrücken. Altmodisch? Keineswegs.

Deutlich wird: Es geht um den fairen und friedlichen Umgang mit seinen Mitmenschen. Und der ist immer aktuell, denn ohne den kann eine demokratische Gesellschaft nur schwer existieren.

 

Aber wie definiert man heute gutes Benehmen?

Und vor allem: WAS davon bringe ich WANN und WIE meinem Kind bei?

Dafür gibt es sicherlich keine Patentrezepte. Aber ein Rezept ist für mich die alte Regel: "Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu."

 

Möchtest Du, dass der andere Dir einen Eimer Sand über den Kopf schüttet? Möchtest Du auf der Rutsche geschubst werden? Möchtest Du, das man Dich Blödmann nennt?

In vielen Situationen konnte ich damit meinem Kind erklären, wie man sich gegenüber anderen verhält. Klar ist aber auch, dass das nicht immer beim ersten Mal klappt, sondern man sich bei solchen Regeln den Mund fusselig reden kann.

 

Aber – um noch ein anderes Sprichwort zu zitieren: "Steter Tropfen höhlt den Stein" – und so denke ich, dass doch einiges bei meiner Tochter angekommen ist und sie somit auch Sicherheit im Verhalten zu Ihren Mitmenschen erlangt hat.

Allerdings gehört für mich zum "Kindsein" auch: Grenzen immer wieder zu testen und auszuprobieren, was passiert, wenn man etwas nicht Regelgerechtes tut.

Da hilft kein Reden sondern nur: Kinder müssen eigene Erfahrungen machen. Bin ich gemein, wird meine Freundin irgendwann nicht mehr meine Freundin sein. Benehme ich mich in der Schule daneben, folgen ernste Gespräche oder auch Sanktionen.

So wird der Raum des eigenen Benehmens immer wieder neu ausgemessen.

 

Die wichtigste Benimmregel: Vorbild sein.

Alles Reden hilft nichts, wenn wir nicht das vorleben, was wir predigen.

 

Mein eigenes Laster: beim Autofahren lauthalts über andere zu schimpfen. Damit bin ich bestimmt nicht alleine – aber in Ordnung ist es deshalb noch nicht.

Die bösen Wörter habe ich verbannt, aber was lernt meine Tochter, wenn ich meinen Vordermann als "oh man, was ne Trantrüte" beschimpfe? Sie lernt, das man das nicht nur denken, sondern auch sagen darf – und das ist kein gutes, höfliches Benehmen.

 

Also haben wir vereinbart, dass ich mir Mühe gebe, diese Sätze nicht zu sagen und den Moment des Innehaltens – damit sie nicht rausrutschen  – mit dem Wort "Sapp" zeigen darf. Für mich eine wirklich schwere Übung.

Und für sie ein Zeichen, auch Eltern müssen üben: So kann man lernen, sich selbst zu kontrollieren und andere nicht zu verletzen, die vielleicht nur einen kleinen Fehler gemacht haben, der jedem passieren könnte. 

 

Fazit: Gutes Benehmen ist für mich etwas anderes, als die klassischen Benimmregeln auswendig zu können. Die richtige innere Haltung klärt vieles von allein. Und ob beim Restaurantbesuch am Ende das Besteck korrekt gekreuzt auf dem Teller liegt – das muss ich ehrlich zugeben, ist mir dann weniger wichtig.

 

• Uli Wiegand

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