Streit gehört zum Leben. Streit trainiert Freundschaften und Bindungen.
Kinder streiten oft – und das ist gut so! Vom Geschwisterzwist über das Sandkastengerangel, die Schulhofrempelei – wer gelernt hat, sich auseinanderzusetzen, kann sich auch wieder annähern. Streitkultur schützt vor Gewalt.
Eltern, Erzieher und Lehrer sind gefordert, Kinder und Jugendliche in einer gewaltfreien Konfliktaustragung zu fördern.
Wir haben mit Inge Neuhaus, 45, Mutter von 2 Töchtern, Lehrerin, Montessori-Pädagogin und Schulleiterin der Wiesbadener Montessori Schule in Freudenberg gesprochen, welchen Beitrag die Schule leisten kann.
Was ist Gewalt? Wo fängt sie an?
Neuhaus: Gewalt ist schwierig zu greifen und zu definieren. Der seelische Aspekt muss ebenso beachtet werden wie die körperliche Seite.
Die Bewertung ist außerdem altersabhängig zu sehen. Grundschulkinder müssen unter anderem in Rangeleien lernen, ihre Kräfte einzuschätzen und gleichzeitig die Wahrnehmung trainieren, wann sie körperlich oder emotional verletzen.
Wie kann man Gewalt vermeiden bzw. reduzieren?
Neuhaus: Für eine Gemeinschaft und ein soziales Miteinander müssen Regeln aufgestellt werden. Grenzen müssen klar gesetzt werden. Erwachsene müssen die kindliche Reaktion darauf aushalten. Ich beobachte, dass das in den vergangenen 10 Jahren abgenommen hat.
Kinder sind unsicher, wenn sie keine Grenzen gesetzt bekommen. Ohne Regeln funktioniert die Gemeinschaft nicht. Wer kein Gemeinschaftsgefühl entwickelt, hat eine niedrigere Schwelle zur Aggression. Erwachsene müssen Vorbild sein und mit dieser Rolle konsequent und achtsam umgehen.
Wo brauchen Kinder Hilfe, was können sie allein austragen?
Neuhaus: Grundsätzlich kann man Kindern viel zutrauen. Häufig wird ihnen zu viel abgenommen. Die Erwachsenen müssen jedoch feine Antennen für Emotionen, Disharmonien und eventuell damit verbundene Leidensprozesse haben. Manchmal muss man es auch aushalten, wenn nicht gleich eine Lösung gefunden wird. Wenn Kinder sich jedoch nicht selbst helfen können, müssen Erwachsene einschreiten.
Ist "Gewaltprävention" ein Thema in den hessischen Lehrplänen?
Neuhaus: Ja, neben der Vermittlung der fachlichen Inhalte fordern die Bildungspläne auch die Schulung der sozialen Kompetenzen. Gerade im Grundschulalter hat die soziale Lernerfahrung einen sehr hohen Stellenwert, weil sie in dieser Phase besonders prägend ist. Aus der egozentrischen Phase kommend sind die Kinder mit der Schulreife in einem Alter, in dem der soziale Kontext, das gemeinsame Lernen mit den anderen, eine große Rolle spielt. Neben der fachlichen Beurteilung und dem Arbeitsverhalten wird im Zeugnis ja auch das Sozialverhalten bewertet.
In welcher Form stellen Sie sich an der Montessori Grundschule dem Thema?
Neuhaus: Montessori-Pädagogik ist Friedenspädagogik. Wenn ein Kind versteht, wie die Welt funktioniert, fühlt es sich selbstbewusst und verantwortlich, was zu friedlichem Verhalten führt. Bei uns wird viel kommuniziert. Kommunikation hilft, Gewalt zu vermeiden. Wir sind im ständigen Gespräch mit unseren Schülern und bemühen uns, Empathie zu fördern: "Wie sind meine Gefühle und wie fühlt der andere?".
Außerdem binden wir die Schüler in Prozesse ein. In regelmäßigen Klassen-Gesprächsrunden, Klassensprecherstunden oder Schulversammlungen können die Kinder Regeln mitgestalten. Diese gemeinsame Arbeit ist oft mühsam, aber letztendlich doch sehr effektiv und erfolgreich.
Auch die regelmäßige Kommunikation mit dem Elternhaus ist uns ergänzend sehr wichtig.
Was halten Sie von der Idee, Schüler als Streitschlichter/Mediatoren einzusetzen?
Neuhaus: Wir haben jahrelange gute Erfahrungen mit Schülern als Streitschlichtern gesammelt. Aktuell entwickeln wir jedoch ein Programm, das vom Hoheitswissen Einzelner weggeht. Wir möchten alle Kinder fördern, zusätzliche Kompetenzen im Umgang mit Streit zu erlernen.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
• Kirsten Bruhns