Erziehung - ein lange vernachlässigtes Thema boomt
Text: Elke Lühning | Foto: Sven Ehlers
Sicherlich wurde seit den 68er Jahren, als man für antiautoritäre Erziehung stritt, nicht mehr so intensiv und kontrovers in unserem Land über Erziehung diskutiert, wie in den letzten zwei Jahren.
Nicht zuletzt dank des enormen Erfolgs der „Super-Nanny“ griff jede größere Zeitschrift das Thema auf: Erziehungsratschläge in der Regionalzeitung, einen wissenschaftlich fundierten Bericht in der Geo oder im Spiegel und in der Brigitte konnten wir testen, welcher Elterntyp wir sind. Auch das Fernsehen verschonte uns nicht mit Dokumentationen und Diskussionsrunden – von den vielen neu erschienenen Ratgeberbüchern mal ganz zu schweigen.
Die Medien erzeugen nicht nur eine Nachfrage, sie reagieren auch auf ein Bedürfnis, das bereits besteht: Bei Eltern, die unsicher sind, ob sie ihre Kinder richtig erziehen oder sich sogar schon „am Ende ihres Lateins“ fühlen. Bei Sozialarbeitern und Pädagogen, die überforderte Eltern und „aus dem Ruder laufende Kinder“ erleben. Bei Sozialwissenschaftlern und Politikern, die die gesellschaftlichen Folgen unzureichender Erziehungsleistung zum Beispiel in Form von Jugendkriminalität oder Schulverweigerung problematisieren.
Aber das wirklich Besondere an dieser breiten Diskussion um angemessene Erziehung war, dass sie auch die Wohnzimmer der Familien, die kein „Eltern“ lesen und kein Informationsangebot in der Familienbildungsstätte besuchen würden, erreichte. Und das ist gut und wichtig, denn neben Einflüssen wie schulische Förderung und persönliche Fähigkeiten hat die Erziehung in der Familie einen erheblichen Einfluss auf die Zukunftschancen von Kindern. Darin sind sich mittlerweile alle Wissenschaftler einig.
Aber leben wir tatsächlich in einer Zeit, in der Eltern so viel falsch machen oder nachlernen müssen? Ja und nein! Ich kenne ziemlich viele Eltern, die einen guten„ Job“ machen, die ihren Kindern Strukturen, Grenzen, aber auch Freiräume geben und die über die eigene Erziehungsarbeit nachdenken. Die zwar auch manchmal daneben liegen, aber das gehört dazu. Im Gegenteil: ein bisschen weniger Perfektionsanspruch an die eigene Erziehungsleistung und an das Verhalten der Kinder könnten manchem nicht schaden... Aber ich kenne auch ziemlich viele Eltern, die nicht so gut klar kommen, oder die sogar nicht zu unrecht befürchten, den Einfluss auf ihre Kinder zu verlieren. Oft sind das Familien, die „neben dem Ärger mit den Kindern“ noch mit anderen materiellen oder persönlichen Problemen zu kämpfen haben. Für diese Familien ist Unterstützung wichtig!
Erziehung ist eine Herausforderung. Vieles ist möglich, wenig gesellschaftlich bestimmt. Das verunsichert viele Eltern. Auf Fragen wie zum Beispiel: Soll ich mein Kind in meinem Bett schlafen lassen? An welchen Entscheidungen soll ich es beteiligen? Darf ich mein Kind bestrafen? Gibt es – auch in der Fachliteratur – ganz unterschiedliche Antworten. Es gibt keine einfachen allgemeingültigen Erziehungsrezepte (auch wenn, die von der Super-Nanny nicht alle schlecht sind...): jede Familie muss immer auch herausfinden, was zu ihr passt.
Das heißt aber nicht, dass alles erlaubt ist. Der Gesetzgeber hat klar geregelt: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“(§ 1631, Abs. 2 BGB) Und es gibt Orientierungspunkte für eine gute Erziehung: Professor Sigrid Tschöpe-Scheffler (Die fünf Säulen der Erziehung, Mainz 2003) sieht fünf Eckpfeiler als maßgeblich an: - Liebe: echte Anteilnahme an dem, was das Kind bewegt und regelmäßig ungeteilte Aufmerksamkeit.
- Achtung und Respekt: Achtung der individuellen Persönlichkeit des Kindes.
- Kooperation: Gemeinsames Tun (arbeiten, spielen etc.) und altersangemessene Mitbestimmung.
- Struktur: Klare Regeln, verlässliche Tagesstruktur und Jahresstruktur (wie Feste, jahreszeitliche Aktivitäten).
- Förderung:
Neugierverhalten unterstützen, Fragen beantworten, das Ermöglichen von
sinnlichen, intellektuellen und sprachlichen Erfahrungen.
- Das klingt erst einmal einleuchtend, ist aber anspruchsvoll und will mit Inhalt gefüllt werden.
Falls Sie jetzt über ihr Erziehungsverhalten nachdenken – setzen Sie sich nicht unter „Erziehungsleistungsdruck“ Kein Kind will perfekte Eltern! Wichtig ist, dass Sie neben allen gutgemeinten Ratschlägen auch auf sich und auf ihr Kind vertrauen. Frau Tschöpe-Scheffler spricht in diesem Zusammenhang von „intuitiver Elternvernunft“. Eltern machen Fehler, das können Kinder oft besser verkraften als wir denken.
Und wenn Sie doch einmal nicht weiterwissen: es gibt viele Elternbildungs- oder Hilfsangebote in ihrer Nähe. Diese sind oftmals bereichernd. So wurde in wissenschaftlichen Begleitstudien z.B. belegt, dass die Teilnahme an einem Elternkurs in vielen Fällen eine langfristige Verbesserung des Familienklimas bewirkt hat.
Ob nun intuitive Elternvernunft, Erziehungsratgeber, Elternkurs oder Beratungsstelle – heute gibt es für Eltern viele, viele AngeboteErziehung boomt und das ist gut so! |