Warum sollte ich mein Kind aus verhaltensbiologischer Sicht tragen?
Das Menschenbaby wird als aktiver Tragling geboren, der es gewohnt ist, jederzeit am Körper getragen zu werden. Ein Neugeborenes winkelt automatisch seine Beinchen in die Anhock-Spreiz-Haltung an, sobald es hochgenommen wird. Diese Tragehaltung des Kindes wirkt sich optimal auf die Hüft-und Wirbelsäulenentwicklung des Säuglings aus. Auch die Fähigkeit, die eigene Körpertemperatur zu regulieren, ist noch nicht ganz ausgereift und bedarf Unterstützung. Zuletzt ist da noch das Kontaktweinen, das bewirkt, dass das Baby bei Verlust des Körperkontaktes mit der Mutter schreit. Häufig schreit das Baby, sobald es abgelegt wird, und lässt sich nur auf dem Arm beruhigen. Eltern verwöhnen ihr Kind in der Trage also nicht, sondern stillen das Urbedürfnis nach Nähe, Körperkontakt und Bewegungsreizen. Es vereinfacht die Anpassung des Kindes an die neue Welt außerhalb des Mutterleibes.

Welche Vorteile hat das Tragen für die Eltern?
Eltern genießen ein Stück Freiheit, weil sie die Hände frei für Alltagsaufgaben haben. Auch unterwegs erweist sich die Trage als praktisch: Mit Bus, Bahn oder Auto unterwegs ist die Trage im Umgang einfacher als ein sperriger Kinderwagen. Einer der wohl entscheidendsten Punkte ist die Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung. Eltern schulen ihre Instinkte und lernen die Signale ihrer Kinder schneller zu erkennen und zu verstehen. Durch die Nähe des Tragens wird eine besondere Beziehung aufgebaut und kann Wochenbettdepressionen vorbeugen. Auch für die Väter bietet es eine einmalige Möglichkeit, eine tiefe, innige und stabile Bindung zum Kind aufzubauen. Denn im Gegensatz zur Mutter haben Väter nicht die alltäglichen Zeiten des Stillens, um diese besondere Nähe zu stärken.

Was ist das Besondere an der Anhock-Spreiz-Haltung?  

Wenn ein Baby geboren wird, sind seine Hüften noch „unreif“. Das Hüftgelenk entwickelt sich schon im Mutterleib, während Becken und Oberschenkelkopf bei der Geburt zuerst als reiner Knorpel ausgebildet sind. Die Hüftgelenke eines Babys verknöchern erst ca. zwischen dem 3. und dem 9. Lebensmonat, wobei die komplette Verknöcherung erst mit Abschluss des Größenwachstums abgeschlossen ist. Je fortgeschrittener die Verknöcherung bereits ist, desto weniger exakt muss auf die optimale Haltung geachtet werden. Für den Komfort des Babys ist es jedoch bis zum Ende der Tragezeit wichtig, dass die Beine gut gestützt sind und nicht „herunterhängen“. Bei der Anhock-Spreiz-Haltung bildet die gehärtete Hüftpfanne einen Ring, in dem derOberschenkelkopf gut ruhen kann und fest umschlossen ist. Dafür ist es notwendig, dass der Oberschenkelkopf in der von der Natur vorgesehenen Stellung auf die Hüftpfanne drückt. Diese Anhock-Spreiz-Stellung wird automatisch von Neugeborenen beim Hochheben angenommen. Bei der Anhock-Spreiz-Haltung sind die Beine bis auf Nabelhöhe angehockt (110°) und leicht nach außen gespreizt (zwischen 60° und 90°). In dieser Haltung treffen die Oberschenkelköpfe im optimalen Winkel auf die Hüftpfanne, wodurch das Becken nach hinten kippt. Das Kreuzbein geht mit und der Rücken rundet sich, was für eine Bandscheiben-Entlastung sorgt. Die Anhock-Spreiz-Haltung unterstützt die gesunde und natürliche Entwicklung von Wirbelsäule und Hüfte.

Worauf sollte ich beim Kauf einer Babytrage achten?      

Die ergonomischen Aspekte stehen bei der Tragehilfe im Vordergrund, um die natürlich S-Form des Tragenden beizubehalten und eine Ausgleichshaltung zu vermeiden. Wenn der Beckengurt so variabel angelegt wird, dass der individuelle Schwerpunkt des Tragepaares berücksichtigt werden kann, und die Schultergurte bequem auf den Schultern liegen, wird das Gewicht des Kindes primär auf die Hüften verteilt. So werden Rücken und Nacken der Tragenden entlastet. Eine gute Orientierung bietet die Auszeichnung von der „Aktion Gesunder Rücken“, die Produkte als rückenfreundlich kennzeichnet.

Für die ergonomische Haltung des Kindes sollte die Tragehilfe in den drei Hauptpositionen vor dem Bauch, auf der Hüfte und auf dem Rücken folgende Kriterien erfüllen: Die Beine des Kindes sind in der Trage im Hüftgelenk angehockt, dabei bleiben die Unterschenkel frei. Leicht nach vorn orientierte Hüftgelenke und ein gekipptes Becken sorgen für einen leicht gerundeten Rücken, den die Trage unterstützt. Die Arme des Kindes sind zentriert vor dem Körper, die Atemwege sind frei und der Kopf ist gut gestützt. Das Prädikat „gesund für die Babyhüften“ vom „International Hip Dysplasia Institut“ zeichnen passende Produkte aus.

 Welche Tragepositionen empfehlen Sie aus ergonomischer Sicht?
In den ersten Monaten ist ein Baby in einer Tragehilfe am besten aufgehoben, wenn es mit dem Gesicht zum Tragenden vor dem Bauch getragen wird. In dieser Position nimmt das Kind die vertrauten Gerüche wahr und hört Herzschlag und Atmung des Tragenden. Sobald das Kind die Umgebung besser wahrnimmt, kann es in Wachphasen die Umgebung kennenlernen. Hierfür bietet sich die Hüfttrageweise an: Das Kind kann die Bewegungsreize wahrnehmen und hat die Möglichkeit, die neu erlebte Situation durch die Reaktion (Mimik und Gestik) des Tragenden einzuschätzen und kann sich außerdem wegdrehen, wenn es ihm zu viel wird. Wenn sich Kind und Tragender damit wohlfühlen, kann ein Kind bei sichererer Kopfkontrolle, und sobald es gut in die Tragehilfe passt, auch auf dem Rücken getragen werden. Hier ist das Gewicht des Kindes für den Erwachsenen am besten zu verkraften. Hüft- und Rückentrageweise sind außerdem ebenso wie die klassische Trageweise vor dem Bauch zeitlich unbeschränkt nutzbar.

Darf man die Kinder auch vorwärtsgerichtet tragen?

Ja. Es gibt immer wieder Situationen, wo keine der drei Tragepositionen (vor dem Bauch, auf der Hüfte, auf dem Rücken) die Bedürfnisse von Eltern und Baby wirklich zufriedenstellen. Sei es, dass aufgrund körperlicher Gegebenheiten nicht auf dem Rücken getragen werden kann, dass in der speziellen Situation Rücken- oder auch Hüfttrageweise nicht sinnvoll sind oder auch dass sich Baby oder Tragender einfach nicht wohlfühlen mit den Trageweisen. Hier bieten die Tragen „Omni360“ sowie „360“ die Möglichkeit, das wache Baby für eine kurze Zeitspanne vor dem Bauch in Blickrichtung des Tragenden zu tragen. Wir nennen diese Trageposition „Aktivposition“ und empfehlen sie für eine kurze Zeitphase (ca. 15 Minuten) in denen Baby und Tragender gemeinsam aktiv etwas machen. Es ist für die Entwicklung eines Babys vorteilhaft, ab einem gewissen Alter die Bewegungsreize auch zeitweise in die richtige Richtung wahrzunehmen. Wenn dies nicht durch Rückentragen oder Hüfttrageweise erlebt wird, ist das Tragen mit Blick nach vorne also auch kognitiv eine absolute Bereicherung für das Kind. Wichtig ist, dass das Kind in einer ergonomischen Haltung getragen wird und die Eltern auf die Zeichen ihres Kindes achten und jederzeit entsprechend reagieren. Beispiele dafür sind: allgemeine Unruhe, plötzliche Müdigkeit, zappelnde Beine und Arme, starkes Zurücklehnen des Kindes gegen die Brust des Tragenden. Eltern merken am besten, wann es ihrem Kind zu viel wird. Ebenso empfehlen wir, die Aktivposition in einer vertrauten Umgebung zu nutzen, wie zum Beispiel im Garten oder bei einem Waldspaziergang. Von einem Einsatz im Einkaufszentrum, auf dem Jahrmarkt oder sonstigen reizüberfüllten Umgebungen sowie zum Schlafen raten wir ab.

Ist die Fronttrageweise nicht haltungsschädlich?

Egal ob Tragetuch oder Babytrage, egal welche Bindeweise oder Trageposition – es sollte immer sichergestellt sein, dass das Kind in der sogenannten Anhock-Spreiz-Haltung getragen wird (siehe oben). Das Gleiche gilt auch für das Tragen nach vorne: Solange die Knie des Kindes höher sind als der Po und das Baby den Rücken runden kann, ist die Haltung gesund und bequem. Die Position, die ein Baby in den Ergobaby-Tragehilfen „360“ und „Omni360“ in der Fronttrageweise in Blickrichtung des Tragenden hat, ist von der „Aktion gesunder Rücken e.V.“ als gesund für den Rücken zertifiziert und auch das „International Hip Dysplasia Institute“ hat beide Tragehilfen für alle Positionen das Siegel „Gesund für die Hüften“ verliehen. Das Tragen des Babys in einer Ergobaby Trage, die für das Tragen in Blickrichtung konzipiert ist (also „360“ und die ab Geburt mitwachsende „Omni 360“), ist also definitiv nicht haltungsschädlich, sondern gesund für die Babyhüften.

Wie lange und wie viel sollte ich mein Kind tragen?         

In einer ergonomischen Babytrage kann ein Kind so oft und ausdauernd getragen werden, wie sich Baby und Tragender wohl fühlen. Das Alter des Babys spielt bei der täglichen Tragedauer eine große Rolle. Während Neugeborene völlig selbstverständlich den ganzen Tag am Körper eines Elternteils getragen werden wollen, finden es Babys mit wachsender Aufmerksamkeit für die Umgebung immer spannender, ihre Umwelt selbst zu erkunden. Je mobiler das Kind wird, desto kürzer und seltener werden die Tragezeiten bis die Tragezeit ganz schleichend irgendwann vorbei ist.

Bis zu welchem Alter oder Gewicht können Kinder damit getragen werden?

Alle Ergobaby Tragehilfen sind bis 20 KG getestet und zugelassen. Wie bereits in den vorherigen Antworten kurz angerissen, passt eine so lange, wie die Oberschenkel des Kindes bei korrektem Anlegen nach oben orientiert sind, die Knie also leicht höher sind als der Po. Es ist hierbei zweitrangig, wie weit der Stoff die Oberschenkel bedeckt, dies bedeutet nicht zwangsläufig eine gute Stützung. Also auch wenn der Steg nicht mehr ganz bis in die Kniekehlen reicht, ist der Sitz in der Tragehilfe so lange gut und bequem für das Kind, so lange die Oberschenkel nicht nach unten abfallen.

Die Ergobaby Babytragen „Adapt“, „Omni360“ und „360“ haben eine vorgeformte Sitzschale, in der der Popo des Kindes platziert werden sollte. Die Oberschenkel sollten bei „Omni360“ und „360“ innerhalb des extra gepolsterten Bereiches liegen.

Gibt es Gründe, die gegen das Tragen sprechen?
Bei manchen Krankheiten und Beeinträchtigungen von Kind, vor allem Frühgeborenen, oder Tragenden mit Rückenproblemen oder Rheuma sollte der behandelnde Arzt vorab sein Einverständnis zum Tragen geben. Doch auch Rückenprobleme sind nicht zwangsläufig ein Grund, das Kind nicht zu tragen: Eine Mutter hebt und trägt ihr Kind letztendlich sowieso täglich mehrfach. Ist das Kind dann nicht auf dem Arm, sondern in der Tragehilfe, wirkt diese in den meisten Fällen als Entlastung für die Wirbelsäule des Tragenden. Auch Kinder, die eine Hüftbeugeschiene tragen müssen, profitieren vom Getragen werden in der Tragehilfe, da sie die Schiene während des Tragens oftmals besser akzeptieren. Auch hier gilt, dass der Arzt die Trageweise absegnen und entscheiden sollte, ob gegebenenfalls sogar während des Tragens auf die Schiene verzichtet werden darf.

Mein Kind weint viel, wenn ich es in die Trage setze. Was kann ich dagegen tun?

Es ist normal, dass das Baby anfangs weint, wenn die Trage anlegt wird. Viele Kinder mögen es nicht, wenn an ihnen „herumgezupft“ wird. Darüber hinausgehendes und langanhaltendes Weinen in der Trage ist jedoch die Ausnahme und kann diverse Ursachen haben. Wird das Kind erst mit mehreren Monaten zum ersten Mal in der Tragehilfe getragen, muss sich das Kind erst wieder an die – mittlerweile ungewohnte – Nähe und Enge gewöhnen. Weinen kann ein Indiz dafür sein, dass das Kind übermüdet ist, aber nicht in den Schlaf findet. Anders herum kann ein Kind das „Tragen“ mit „Schlafen“ assoziieren, weil es häufig nur zum Einschlafen getragen wird, aber eigentlich gerade wach sein möchte. Gleichzeitig ist möglich, dass das Kind Bewegung haben möchte und das Stehenbleiben gerade nicht gefällt. In einigen seltenen Fällen hat das Weinen jedoch organische Ursachen wie Blockaden in Hals- oder Nackenbereich oder es befindet sich in einer unbequemen Position in der Trage.  Eltern sollten das Weinen genau beobachten – in welchen Situationen weint mein Kind in der Trage? Weint es immer in der gleichen Situation? Lässt sich aus dem Schema etwas ableiten? Weint es grundsätzlich viel? Wenn die Eltern unsicher sind, kann ein Trageexperte, beispielsweise eine geschulte Trageberaterin, weiterhelfen, um die Ursache für das Weinen in der Trage herauszufinden.

 

Im Sommer ist mir und dem Kind in der Trage immer sehr heiß, gibt es besondere „luftige“ Positionen zum Tragen?

Dass Mama und Kind im Sommer schwitzen, ist ein erstaunliches Feature der Natur: Der Körper derMutter ist nämlich in der Lage, temperaturausgleichend zu arbeiten. Dies bedeutet, dass die Mama in der Lage ist, beim Tragen Haut-an-Haut die Körpertemperatur des Babys über ihre eigene Körpertemperatur zu regulieren. Ist dem Baby zu warm, wird es durch den Schweiß der Mutter heruntergekühlt, ist das Baby zu kalt, wärmt sie es. Ich rate daher dazu, im Sommer möglichst wenig Kleidungsschichten zwischen Baby und Tragendem zu tragen. Da eine Tragehilfe dort, wo sie den Körper des Kindes bedeckt, eine Schicht Kleidung ersetzt, sind die Mesh-Tragehilfen, die aus luftdurchlässigem Polyester-Wabenmaterial bestehen, besonders geeignet für den Sommer. Die luftigste Trageposition mit der wenigsten Körper-Auflagefläche ist wahrscheinlich die Hüfttrageweise, wobei es bei den Tragepositionen tatsächlich individuell verschieden ist, was am angenehmsten empfunden wird – da hilft nur ausprobieren.

Wer im Sommer rausgeht, sollte aber vor allem darauf achten, das Baby gut vor der Sonneneinstrahlung zu schützen und dem Kind aktiv ausreichend zu Trinken anzubieten. Nähere Infos dazu finden Sie hier: https://www.tragenetzwerk.de/index.php/tragen/tipps-zum-tragen/tragen-im-sommer

 

 

 

 

Marieke Achterholt

Trageberaterin, Ergobaby

Experteninterview

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