Wieviel Stress muss eigentlich sein?

Das Familienleben sollte sich einfach gut anfühlen“: Die Buchautorinnen Julia Dibbern und Nicola Schmidt erklären, wie dies mit kleinen Schritten im Alltag gelingt – und wie sich Eltern von unnötigen Druck befreien können.

 

Familien fühlen sich heutzutage gestresster als in vergangenen Generationen. Warum ist das so?

Julia Dibbern: Ist das so? Menschen haben immer geglaubt, dass die aktuellen Zeiten gerade wahnsinnig schwierig sind.

Nicola Schmidt: Und im Übrigen, dass es mit der Jugend immer schlimmer, wird, darüber klagt schon Aristoteles. Insofern wäre die Frage, ob sich diese These überhaupt nachweisen lässt.

Julia Dibbern: Nichtsdestotrotz leben wir in einer Zeit, die sehr schnell getaktet ist durch die Digitalisierung. Es ist leicht, sich gestresst und wichtig zu fühlen, einfach aus Gewohnheit. Und es ist unser Job, da genau hinzusehen: Wieviel von dem Stress muss eigentlich sein?

Nicola Schmidt: Außerdem leiden wir alle unter Geschäftigkeit – sogenannte „Deep Work“ nach Cal Newport neuem Buch, also die Konzentration auf eine einzige Sache, ist vielen kaum mehr möglich, weil ständig das Handy piept oder Mails reinkommen. Aber das Gehirn braucht Flow, um sich am Ende des Tages gut zu fühlen – nur wenn wir uns über lange Zeit auf eine Sache konzentrieren, haben wir abends das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Daher der gute alte Grundsatz: „Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich lese, dann lese ich. Wenn ich rede, dann rede ich.“

Wie können Eltern Druck herausnehmen?

Julia Dibbern: Es ist aus unserer Sicht wichtig, dass wir uns darüber klar sind, was für wunderbare, hinreißende Kinder wir haben und dass Familienleben sich einfach gut anfühlen sollte. Kein Perfektionismus. Du bist richtig, so wie du bist – dein Kind auch.

Nicola Schmidt: Wir müssen nichts leisten, um gute Eltern zu sein – wir müssen einfach nur sein. Und alles andere erledigen wir einfach in kleinen, stetigen Schritten – wir haben dazu im Buch diese Geschichte von meinem Großvater, der mir das beigebracht hat. Oder wir lassen mache Dinge auch einfach sein – der Keller muss vor Weihnachten nicht ausgemistet werden, das hat bis Ostern Zeit.

Man muss nichts schönreden: der Alltag als berufstätige Mutter beziehungsweise Vater mit Kind birgt nun mal viel Stresspotenzial. Wie schafft man kleine Inseln zum Runterkommen für sich selbst und auch für die Kinder?

Julia Dibbern: Das ist eine Frage der Wahrnehmung – nur weil ich schnell bin, muss ich ja nicht gestresst sein. Was erzeugt Stress? Das Gefühl, mehr zu tun zu haben, als man schaffen kann. Stress entsteht ja auch dadurch, dass man sich ausgeliefert fühlt. Wenn ich meinen Job liebe und mich bewusst für 40-Stunden, Schwimmkurs und das große Weihnachtsessen entscheide, ist es am Ende vor allem eine Frage der Planung.

 

Nicola Schmidt:  Und da ist es eben gut, auch Unterstützung zu planen. Und Ruheinseln – zum Beispiel bei den Mahlzeiten oder einfach abends beim Vorlesen. Diese Zeit nicht als Pflichtprogramm, sondern als bewusstes Abschalten. Das kann man auch beim Warten auf den Bus tun – einfach zehn Mal ruhig atmen. Wir haben immer gleich viel Zeit, ob wir sie als Druck oder Geschenk sehen, ist unsere eigene Entscheidung.

 

Was stresst Kinder? Und was sind mögliche Folgen?

Nicola Schmidt: Es gibt viele Stressoren für Kinder, sehen wir es mal andersherum: Kinder brauchen ausreichend Zeit zum Spielen und Kuscheln mit ihren Bezugspersonen und einfach auch Zeit zum Abhängen – denn da wächst das Gehirn.

Julia Dibbern: Auf der anderen Ebene stresst Kinder, wenn sie nicht gesehen werden, wenn sie mit ihren Bedürfnissen nicht wahrgenommen werden – egal in welchem Alter. Das stresst übrigens auch Erwachsene. Das heißt aber auch: Wir müssen uns selbst sehen – da fängt alles an.

 

Was ist die einfachste Zutat für ein stressfreies Leben mit Kindern?

Nicola Schmidt: Im Prinzip sind das die Zutaten, über die wir auch in Slow Family schreiben. Das wäre einmal: Zeit. Nehmen Sie sich Zeit. Und tun sie das, was Sie tun, ganz.

Julia Dibbern: Und Achtsamkeit – die führt oft zu Dankbarkeit. Dankbarkeitsrituale beruhigen nachweislich das Gehirn und tun damit einfach allen gut. Und Echtheit – ziehen Sie die echten Erfahrungen denen aus zweiter Hand vor.

 

Mit der Adventszeit steht eine besonders schöne Zeit vor der Tür – dass diese meist weniger entspannend als anstrengend wird, ist aber auch bekannt. Wie entschleunigt man die Weihnachtszeit als Familie?

Julia Dibbern: So wie man jede andere Zeit als Familie entschleunigt – man stopft sie nicht mit Terminen voll. Man hat keine Angst, etwas zu verpassen und man entscheidet ganz bewusst, was man tun will und was man nicht tun will. Und plant Auszeiten für sich und als Familie ein.

Nicola Schmidt: Am Ende liegt es in unserer Hand: Wollen wir slow – also langsam, achtsam, echt – leben oder wollen wir uns hetzen und hetzen lassen? Es lohnt sich, immer wieder einen Moment inne zu halten, nachzuspüren, ob das, was ich hier gerade plane und tue, das ist, was uns wirklich hilft oder ob ich quasi auf Autopilot laufe, weil ich glaube, dass etwas so sein muss. Im Winter kommt die Natur zur Ruhe – wir müssen nur aus dem Fenster schauen und es ihr nachtun.

Julia Dibbern: Dann können wir uns bei Kerzenschein zusammensetzen und wieder sehen, wie entzückend unsere Kinder sind.

Die Fragen stellte Julia Anderton

In ihrem Buch „Slow Family“ zeigen Julia Dibbern und Nicola Schmidt, wie Eltern und Kinder ihre Bedürfnisse nach Nähe, Natur und Langsamkeit gemeinsam ausleben können: Julia Dibbern und Nicola Schmidt: Slow Family. Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern. Beltz. 16,95 Euro

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